Paul Klee und die Musik 6

Man darf an der Tatsache nicht vorbeisehen, dass es damals, als die Reproduktionsmittel, über die wir heute verfügen, noch nicht existieren, kaum eine andere Möglichkeit gab, Musik gut kennenzulernen, als eben durch Hausmusik. Alles in allem war es besser, die Symphonien von Brahms in vierhändigen Klavier-Arrangements zu spielen, als sie überhaupt nicht zu hören.

Aber da, wo der mittlere Musikliebhaber an einem bestimmten Punkt der Entwicklung stehen blieb und beispielsweise die Werke von Richard Strauss unerträglich fand, erkannte der kluge und phantasiebegabte Klee sofort das Wichtige und Neue. Es wäre gänzlich falsch zu glauben, er hätte nur Mozart oder Bach geliebt. Schon 1909 begrüßte er »Pelléas et Mélisande« als die »schönste Oper seit Wagners Tod«*. Und 1913, nach der Begegnung mit Schönbergs »Pierre lunaire«, schreibt er in sein Tagebuch: »Platze, du Spieß, ich glaube, dein Stündlein schlägt!«** Man kann es nicht besser sagen…

Dennoch zog er es vor, die Klassiker zu spielen und die Modernen im Konzert anzuhören. Will Grohmann, der sich mit ihm mehr als einmal darüber unterhalten haben muss, hat darauf hingewiesen, dass der Geiger Klee sich auf Komponisten der Vergangenheit beschränkte, weil »sie sein Formgewissen waren, das ihm einen Halt im Labyrinth der eigenen Formerfindung gab.«*** Und im Übrigen hat Klee selbst erklärt: »Ein Quintett wie im Don Giovanni steht uns näher als die epische Bewegung im Tristan. Mozart und Bach sind moderner als das Neunzehnte.«**** Womit er deutlich ausdrückte, dass er vor allem die Romantik unerträglich fand.

Am Bauhaus, das kurz nach dem Ersten Weltkrieg gegründet worden war, fanden zahlreiche musikalische Experimente statt, an denen Klee teilnahm. Oskar Schlemmer führte Ballette auf, bei denen er Choreograph und Kostümbildner in einer Person war. Es gab häufig Konzerte von hoher Qualität. Hindemith kam regelmäßig als Gast ins Bauhaus, Stravinskij wurde dort gespielt, und Klee ist ihm begegnet. Mehr als Ravel, der ihm in vielem zu grob erschien, oder Kodály, der seiner Meinung nach Genremusik schrieb, schätzte er Hindemith und Stravinskij, welche beide — der eine in Deutschland, der andere in Frankreich — die Abwendung von der Romantik symbolisierten.

Erinnert sei auch an die Beziehungen zwischen Bauhaus und Zweiter Wiener Schule. Bekanntlich hatte Walter Gropius die Absicht, Schönberg als Lehrer dorthin zu holen. Es bestand also der Wunsch eines Brückenschlags zwischen den Bildenden Künsten und der Musik in ihren wagemutigsten Aspekten. Diese Neigung existierte schon seit geraumer Zeit, denn in der ersten Nummer des Almanachs »Der Blaue Reiter« (1912) war die Neue Wiener Schule durch je eine Komposition von Schönberg, Webern und Berg vertreten, überdies gab es eine enge Verbindung zwischen Schönberg und Kandinskij, die sich vor dem Krieg kennengelernt hatten und seither miteinander im Briefwechsel standen.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

Ein Gedanke zu „Paul Klee und die Musik 6“

  1. * Klee, Tagebücher, S. 244, Nr. 847.
    ** Klee, ebenda, S. 286, Nr. 916.
    *** Grohmann, Paul Klee, S. 66.
    **** Paul Klee, Das bildnerische Denken [= Schriften zur Form- und Gestaltungslehre; 1], hrsg. von Jürg Spiller, Basel/Stuttgart 1956, S. 520.

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