Biblia 3. Der Druck

Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts gab es gedruckte deutsche Bibelübersetzungen. Sie waren auf der Grundlage der lateinischen Bibel, der Vulgata, entstanden und enthielten für den liturgischen Gebrauch Teile der Heiligen Schrift; daneben waren vierzehn hochdeutsche und vier niederdeutsche Bibeln mit dem vollständigen Text entstanden. Es fehlte ihnen aber, abgesehen von allerlei sprachlicher Unbeholfenheit, eine eigene theologische Absicht.

Das war bei Luther anders. Seine theologische Überzeugung besagte, dass die Bibel als Wort Gottes zentral das Evangelium von Jesus Christus enthalte, das jeder Mensch hören und verstehen müsse, um zum Glauben zu gelangen. Darum sei es notwendig, dass die Bibel in deutschen Landen auch in deutscher Sprache vorliege. Der göttliche Sinn sei durch Jesus Christus in das menschliche Wort eingegangen und könne als ein solcher verstanden werden, der von Gott zum Menschen komme und ihn im Glauben verwandle. Das Verlangen nach geistlicher Authentizität im Glauben war es, das bereits Luthers Ablassthesen zugrunde gelegen hatte. In der Folgezeit hatte er die Sakramente Buße, Taufe und Abendmahl gemeinsam auf die Neubegründung des menschlichen Lebens von Gott her eingestellt. 1520 hatte er in der Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« die grundsätzliche Bedeutung des Wortes Gottes für das Leben der Menschen herausgearbeitet. Insofern ergab sich mit großer Konsequenz das Projekt der Übersetzung der Bibel ins Deutsche.

Den Anlass, sich der Verwirklichung dieses Plans zu widmen, brachte Luthers Aufenthalt auf der Wartburg 1521/22. In lediglich elf Wochen übersetzte der Reformator das gesamte Neue Testament. Er verwendete als Grundlage die griechische Ausgabe des neutestamentlichen Textes, die Erasmus von Rotterdam 1516 veröffentlicht hatte. Natürlich hatte er immer auch den lateinischen Text der Vulgata in Ohr und Sinn. Einerseits knüpfte Luther, der im Erfurter Grundstudium Griechisch gelernt hatte, damit an die fortgeschrittenste humanistische Wissenschaft an; andererseits legte er Wert darauf, dass der Text auch religiös angeeignet werden könne. Darum lag ihm sehr daran, dem deutschen Text eine möglichst allgemein verständliche Gestalt zu geben. Denn es sollte schließlich allen Christenmenschen möglich sein, ihn zu lesen und zu verstehen.

Im September 1522, etwa ein halbes Jahr nach Luthers Rückkehr von der Wartburg nach Wittenberg, wurde die erste Auflage des Neuen Testaments in der hohen Auflage von 3000 Exemplaren gedruckt. Offensichtlich schwebte den Verlegern Lucas Cranach des Älteren und Christian Döring ein einträgliches Geschäft vor — zu Recht. Denn bereits zwei Monate später, im Dezember, wurde die deutsche Übersetzung des Neuen Testaments erneut gedruckt, und zwar mit Verbesserungen gegenüber der Erstauflage. Man darf davon ausgehen, dass Luther mit Philipp Melanchthon, der über exzellente Griechischkenntnisse verfügte, sogleich nach dem Erscheinen der ersten Fassung an eine präzisierende Überarbeitung gegangen war. Die Übersetzung des Alten Testaments schloss sich an, benötigte aber einen viel längeren Arbeitsprozess, an dem mehrere Wittenberger Mitarbeiter Luthers beteiligt waren.

Die erste vollständige Bibel Luthers in deutscher Sprache erschien erst 1534. Der vorliegende mit großer Sorgfalt hergestellten Nachdruck dieser Ausgabe, auf Grundlage des kostbaren Originals der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, offenbart die vielschichtige Pracht dieser Bibel, mit ihrem akkuraten Schriftbild, ihren kunstvollen Initialen und den vorzüglichen farbigen Holzschnitten aus der Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren. Stephan Füssel, geschäftsführender Leiter des Instituts für Buchwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz, bereichert diese Publikation durch detaillierte Beschreibungen der Illustrationen sowie einer Einleitung, die Luthers Leben und die weltbewegende Bedeutung seiner Bibel beleuchtet.

Die Luther-Bibel von 1534 | Hardcover | 2 Bände mit Begleitheft im Schuber | 1920 Seiten | ISBN 978-3-8365-3821-3 | € 39,99 | Taschen Verlag

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Zeitschrift kontext

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