Paul Klee und die Musik 7

Den Parallelsetzungen unterschiedlicher Ausdrucksmittel haftet immer etwas Künstliches an. Nichtsdestoweniger wurden sie häufig unternommen, vorab zwischen Musik und Malerei, wiewohl beide ungleichen Gesetzen gehorchen; so glaubte man sagen zu können, Debussy sei »Impressionist« ― mit 20 oder 30 Jahren Verspätung gegenüber den Malern. Es ist kein Klischee, die Musiker immer im zeitlichen Rückstand zu sehen: Watteau/Mozart zum Beispiel. Ein Klischee, dem Klee — Will Grohmann zufolge — übrigens widersprach.

Wenn es eine Art von Wechselbeziehung, um nicht zu sagen Beeinflussung, zwischen den beiden Welten gibt, wirkt sie nur selten auf der gleichen Ebene. Die Werke Wagners haben — sehr gegen dessen Willen — den Anstoß zur denkbar miserabelsten Malerei gegeben. Ich spreche nicht von den szenischen Realisationen der ersten Bayreuther Jahre: Man kann sie nicht als Maßstab für eine bildnerische Umsetzung nehmen, denn sie gehorchten den Umständen der Aufführung, der Theatertechnik der Zeit. Wagner selbst war augenscheinlich so unbefriedigt von den Dekorationen, in denen die Sänger agieren mussten, dass er, der das unsichtbare Orchester geschaffen hatte, sich zum Vorwurf machte, nicht auch das unsichtbare Theater erfunden zu haben… Aber es gibt diese ganze vom »Ring« — von der nordischen Mythologie, von Siegfrieds Tod, den Rheintöchtern usw. — inspirierte Malerei, mediokre und nichtssagende Leinwände, in denen sich nicht die Spur einer epochemachenden Dramaturgie findet. Bereits vor dem Impressionismus besitzt Courbet eine bei Weitem modernere und stärkere Vision als all die Maler, die Wagner zu »visualisieren« gedachten.

Auch zwischen Literatur und Musik lassen sich Entsprechungen finden. Man kann Wagner und Balzac als zwei Gestalten sehen, die sich nahestanden. Der interessanteste Wagner allerdings ist in meinen Augen nicht der, den man den »gotischen« nennen könnte und der als Textdichter gegenüber der Literatur jener Zeit eine einigermaßen rückständige Haltung zeigt: Als er den »Ring« komponiert, schreibt Baudelaire die »Fleurs du mal«; während er am »Parsifal« arbeitet, ist Rimbauds Leben als Dichter schon zu Ende; er ist noch beim »Liebesverbot«, als Büchner 1837 den »Woyzeck« schreibt. Trotz der Kraft seiner Dramaturgie haben die Quellen seines Theaters keinen Bezug zur Literatur seiner Zeit; diese richtet sich bereits auf ganz andere Horizonte, während er der Anregung durch ein früheres Zeitalter verhaftet bleibt. Sein Musikdenken dagegen hat — da es sich radikal auf die Zukunft wirft — den späteren Verlauf der Geschichte stärkstens beeinflusst. Als er 1883 stirbt, haben alle Künste die fernen Ufer der Frühromantik ohne Wiederkehr verlassen.

Bei Berg oder bei Mahler weist die Art der thematischen und motivischen Entwicklung auf einen Hang zur Erzählung, zur Geschichte, zum Sprechdrama hin, ein in der rein symphonischen Musik mit ihrem begrenzteren, engeren Rahmen eher unbekanntes Phänomen. Mahler hat, wie Berg, diesen formalen Rahmen gesprengt, um zu einer weit freieren Erzählweise zu gelangen, die sich mit der Prosa von Proust oder Joyce vergleichen lässt.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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