Paul Klee und die Musik 11

Und Klee? Offen gesagt, hat er nie eine besondere Vorliebe für seine komponierenden Zeitgenossen an den Tag gelegt; wir haben ihn als aufmerksamen Hörer von Erstaufführungen gesehen, denen jedoch nie weiterreichende persönliche Kontakte folgten. Die Wahrheit ist, dass er ständig zu Bach und Mozart zurückkehrte: Seine prägenden Jugendjahre hatten ihm eine bestimmte musikalische Kontur gegeben, an der er festhielt. Die Musik war für ihn ein Bezugspunkt, der in den Emotionen, Reflexionen, Erfahrungen seiner Jugendzeit verankert blieb. Nachdem er sich einmal entschlossen hatte, Maler zu werden, entwickelte er sich in der Malerei weiter, nicht in der Musik. Doch vermochte er aus dem ständigen Umgang mit Musik äußerst fruchtbare Folgerungen zu ziehen, was nur den wenigsten gegeben ist. Seine Sicht von Bach und Mozart war nicht unterwürfig oder epigonal; er analysierte ihre Methoden, ihre Denkweise, ihre Stilmittel und gelangte dadurch zu jener Transsubstantiation, welche die ganze Originalität seiner Haltung ausmacht, ihr die selten hohe Gültigkeit verleiht. Nicht einmal Kandinskij, so nahe er auch Schönbergs Welt stand, hat sich mit solcher Tiefe, solcher Dringlichkeit dem musikalischen Denken verbunden.

Es ist ziemlich nutzlos, Betrachtungen darüber anzustellen, zu welchen Lösungen Klee gelangt wäre, hätte er den »Sacre du printemps« gleich aufmerksam anhören können wie die Mozart-Quartette. Warum ihm einen Vorwurf daraus machen, dass er von der musikalischen Erziehung seiner Jugendzeit geprägt blieb? Man kann seinen Geist beweglich und wach halten, den von der Zeit ausgelösten Entwicklungen auf der Spur bleiben; man wird dennoch die Jahre und Umstände kaum vergessen, in denen man sich gefestigt hat, die uns gefestigt haben.

Dies im Fall Klee umso weniger, als es sich um eine Reaktion handelte, die der Generation der zwanziger Jahre gemeinsam war – in Deutschland so gut wie in Frankreich. Man hatte die Romantik abgeschüttelt. Man entdeckte bis dahin vernachlässigte Mozart-Opern wie »Così fan tutte«. Die Werke Stravinskijs, Hindemiths, ja Schönbergs waren in neoklassizistischem Geist geschrieben. Klee hat sich somit nur seine Zeit zu eigen gemacht: Bei all seiner Originalität ist er Teil einer Epoche, bildet eine ihrer Komponenten. Man war der großen orchestralen Massen, der Ergüsse eines leidenschaftlichen Individualismus, der psychologischen, ja psychopathischen Oszillogramme überdrüssig; man bemühte sich vielmehr um eine strenge, von gefühlsmäßigen Schwächen befreite Gestaltung, strebte nach einer gewissen Objektivität des Ausdrucks, den man sich ohne emotionale Verwerfungen wünschte. Klee ist dieser allgemeinen Tendenz nicht ausgewichen.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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