Paul Klee und die Musik 13

»Der Orden vom hohen C« (1921) beispielsweise legt den Vergleich mit dem zweiten der »Drei Stücke für Streichquartett« (1913/14) nahe. Der humoristische, manieristische Aspekt rückt diesen Klee für mich in die Nachbarschaft von Werken Stravinskijs aus einer etwas früheren Periode, welche die gleichen Merkmale zeigen: »Pribaoutki« (1914), »Berceuses du chat« (1915/16) usw. Die beiden Werktypen entsprechen sich offensichtlich in Inspiration und Ausführung.

Geht es indessen um jene Zeit, die durch die Lehrtätigkeit am Bauhaus bezeichnet wird, die Phase der geometrischeren Formen, der Aufteilung des Raumes, der Bilder mit punktgerasterter Oberflächenstruktur, so scheint sich der Vergleich mit Weberns opera 15, 16, 17 * aufzudrängen, Werken, welche dieser Klee-Periode um weniges vorausgehen und Webern unmittelbar vor der Anwendung der Zwölftechnik zeigen, mithin im Stadium eines freien, doch schon stark kontrollierten Stiles.

Strukturiert Klee die Flächen seiner Bilder durch Texturen mehr oder weniger dichter kleiner Punkte von unterschiedlicher Typik, so tut Webern in der Musik das Gleiche. Um deutlich zu machen, dass ein Ton eine bestimmte Dauer ausfüllt, lässt er ihn nicht aushalten, sondern teilt ihn in mehr oder weniger nahe beieinander liegende, also mehr oder weniger schnelle, mehr oder weniger langsame Staccati auf. Innerhalb total verschiedener Welten — zur Ausfüllung des Raumes bestimmt die eine, zur Ausfüllung der Zeit die andere — haben beide als Lösung kleine Impulse gefunden, farbige in der Malerei, rhythmische in der Musik. Angesichts der Mannigfaltigkeit von Klees Schaffen ließen sich auch noch andere Vergleiche wagen. Doch gibt es zwischen ihm und irgendeinem Musiker keine so eindeutige, so offensichtlich eindeutige Entsprechung wie die zwischen Mondrian und Webern, Léger und Milhaud, Picasso und Stravinskij, deren »Flugbahnen« einander benachbart sind.

In den Bauhaus-Vorlesungen findet sich keinerlei Bezug auf Namen zeitgenössischer Musiker, deren Werke Klee gehört hat. Es gibt da lediglich eine Studie, in der er versuchte, »ein thematisches, musikalisches Gebilde, ein- oder mehrstimmig, bildnerisch darzustellen«**; er wählte dafür »ein Notenbeispiel aus einem dreistimmigen Satz von Johann Sebastian Bach«***. Diese Wahl indessen — wir haben es gesehen — bedeutet nicht mangelndes Interesse für die Musik seiner Zeit. Die wahrscheinlichste Erklärung ist wohl, dass er sich nicht für berechtigt hielt, an ein Gebiet zu rühren, auf dem er sich nicht zuständig fühlte; bei Bach hingegen befand er sich auf vertrautem Gelände, er verstand den Phrasenaufbau, kannte die Natur der Form, die Mechanismen der Entwicklung und konnte so mit all seinen imaginativen Kräften eine graphische Transkription wagen.

Pierre Boulez

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Paul Klee, Der Orden vom hohen C, Aquarell, Feder, 1921
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Zeitschrift kontext

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Ein Gedanke zu “Paul Klee und die Musik 13”

  1. * »Fünf geistliche Lieder« für hohen Sopran und Instrumente, op. 15 (1917/22); »Fünf Kanons nach lateinischen Texten« für hohen Sopran, Klarinette und Bassklarinette, op. 16 (1924); »Drei Volkstexte« für Gesang und Instrumente, op. 17 (1924).
    ** Klee, Das bildnerische Denken, S. 285.
    *** Klee, ebenda, S. 285. Es handelt sich um die Anfangstakte des Adagios aus der Sonate G-Dur für Violine und Cembalo, BWV 1019.

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