Von den vnholden oder hexen

Die Zeit des späten 15 . und beginnenden 16 . Jahrhunderts war eine Epoche, in der weite Teile der Bevölkerung in großer religiös motivierter Unsicherheit lebten. Martin Luther entstammte einer für damalige Verhältnisse durchschnittlich religiösen Familie. Sein Vater Hans Luder trat 1509 als Mitglied der Bruderschaft »Unserer Lieben Frau Gezeiten im Thal Mansfeld« bei, einer Altarstiftung für die nach einem Brand seit 1498 neu aufgebaute Stadtkirche St. Georg in Erscheinung. Der erfolgreiche Bergbauunternehmer bewegte sich wohl allgemein im zeittypischen Rahmen kleinstädtischer Frömmigkeit, die neben religiösen auch wichtige gesellschaftliche Funktionen erfüllte. Über die Frömmigkeit von Luthers Mutter Margarethe ist weniger bekannt, jedoch übertrug sich offenbar ihre für diese Zeit typische Hexengläubigkeit auf den Sohn.

Die Eltern Martin Luthers waren durch die tiefe Volksfrömmigkeit des Spätmittelalters geprägt, bei der sich christliche Glaubensinhalte mit abergläubischen Vorstellungen vermischten. Jene Luthers waren dabei auch biblisch begründet: Mit Berufung auf Exodus 22,17 (»Eine Zauberin sollst du nicht am Leben lassen«) forderte er die Hinrichtung von der Hexerei verdächtigten Frauen in Wittenberg. »Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, daß die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nämlich Milch, Butter und alles aus einem Haus stehlen […] Sie können ein Kind verzaubern […] Auch können sie geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, daß der Körper verzehrt wird […] Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu, sie verabreichen Tränke und Beschwörungen, um Hass hervorzurufen, Liebe, Unwetter, alle Verwüstungen im Haus, auf dem Acker, über eine Entfernung von einer Meile und mehr machen sie mit ihren Zauberpfeilen Hinkende, dass niemand heilen kann […] Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder […] Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.« (Luther, Predigt am 6. Mai 1526, WA 16,551f.).

Eine damals weit verbreitete Darstellung zeigt zwei Frauen, die ein Unwetter brauen, indem sie in einen Kessel, aus dem bereits Flammen schlagen, als Zutaten einen Hahn und eine Schlange geben. Das Ergebnis ihres Tuns ist im Himmel über ihnen sichtbar — dort brechen aus den Wolken große Hagelkörner hervor. Die beiden unterschiedlich alten Frauen wirken also als Hexen, die jedoch ohne weitere Attribute in zeitgenössischer Kleidung wiedergegeben sind. Das soll verdeutlichen, dass man Hexen nicht an bösen Gesichtern, Buckeln oder einer besonderen Tracht, sondern nur an ihrem Tun erkennen kann — ein wichtiger Aspekt der Hexenverfolgungen, deren Verdächtigungen grundsätzlich jeden treffen konnten. Der Hagelzauber gehörte wie das Anhexen von Krankheiten zu den häufigsten Anklagen in Hexenprozessen.

Der Glaube an zauberische Fähigkeiten verbreitete sich durch den Buchdruck sogar rascher als zuvor. Dabei kam es zu einer unheilvollen Wechselwirkung mit den immer häufigeren Hexenverfolgungen, wobei nicht klar ist, ob der Hexenwahn die vielen Publikationen beförderte oder diese eher den Hexenwahn. Zu den solcherart wichtigsten Büchern gehörten Johannes Niders »Formicarius« (1475) und besonders der »Hexenhammer« von Heinrich Kramer und Jakob Sprenger, der ab 1487 zahlreiche Auflagen erlebte. Illustrationen enthielt aber erst die lateinische Schrift Ulrich Molitors (um 1442 —1507 /08), »De lamiis et phitonicis mulieribus«, die wohl erstmals 1488 in Konstanz gedruckt wurde, wo der Autor als Jurist bei der Kurie tätig war. In das Buch mögen seine Erfahrungen aus Hexenprozessen eingeflossen sein. Als Gespräch zwischen dem Verfasser, seinem Lehrer und Juristen Konrad Stürtzel und dem Konstanzer Schultheißen Conrad Schatz angelegt, sollte es womöglich so etwas wie eine juristische Stellungnahme zu den zahlreichen Hexenprozessen jener Zeit sein. Jedenfalls war es sehr erfolgreich und erschien im kommenden Jahrzehnt in einem halben Dutzend Auflagen, darunter 1493 auch in deutscher Übersetzung mit dem Titel »Von den vnholden oder hexen«. Bis in das späte 16. Jahrhundert wurde das Buch immer wieder nachgedruckt. Die Illustrationen dürften wesentlich zu seinem Erfolg beigetragen haben, denn sie führen dem Leser eine unmittelbare Anschauung vor Augen. Während etwa ein Viertel der wegen Hexerei Angeklagten Männer waren, dominieren in den Illustrationen Frauen als Hexen, und zu Beginn des 16. Jahrhunderts schufen auch namhafte Künstler wie Albrecht Dürer, Albrecht Altdorfer oder Hans Baldung Grien Hexendarstellungen. Dabei griffen sie unter anderem Motive wie das Einreiben des nackten Körpers mit »Flugsalbe« oder die Teufelsbuhlschaft auf, um auch erotische, manchmal pornografische Bilder anzufertigen.

Zum Weiterlesen Jane P. Davidson, The Witch in Northern European Art, 1470—1750, Freren 1987 (dt. Hexen in der nordeuropäischen Kunst, Freren 1988). Ulrich Molitor, Von Unholden und Hexen, bearb. von Nicolaus Equiamicus, Diedorf 2008. http://de.wikisource.org/wiki/Hexenwesen

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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