Paul Klee und die Musik 15

Spricht er zu den Studenten über Rhythmus, so verwendet er das Wort nicht in verschwommenen Sinn, sondern stützt sich auf präzise Strukturen. In seinen Kursen wie in den Titeln seiner Bilder zieht er das musikalische Vokabular mehr als einmal heran. Die begrifflichen Entsprechungen, die dabei am häufigsten erscheinen, sind neben Rhythmus: Polyphonie, Harmonie, Klang, Intensität, Dynamik, Variation. Klee gebraucht sie immer in ihrem exakten Sinn, und wenn Worte wie Kontrapunkt, Fuge oder Synkope auftreten, so weiß er, was sie umreißen, seine Bach-Praxis hat ihm da wertvolle Kenntnisse vermittelt.

Auch andere Maler haben sich an der graphischen »Übersetzung« von Musik versucht: Ich erinnere mich, Zeichnungen von Matisse nach dem Scherzo aus Beethovens »Fünfter« gesehen zu haben.

Aber geht es Klee um eine bloße »Übersetzung«? Mitnichten ― bei ihm ist es vielmehr der Versuch, die Reichtümer der Musik auf ein anderes Ausdrucksmittel anzuwenden, ihre Strukturen zu studieren und zu »transportieren«. Deutlich erklärt er sich darüber im Zusammenhang mit der Polyphonie (ein Wort, das in mehreren seiner Titel wiederkehrt: »Polyphon gefaßtes Weiß«, »Polyphonie mit drei Themen«, »Dynamisch-polyphone Gruppe«, »Polyphonie« usw.): »Es gibt doch in der Musik eine Polyphonie. Der Versuch einer Übertragung dieser Wesenheit ins Bildnerische wäre an sich noch nichts Besonderes. Aber bei der Musik durch die Besonderheit polyphoner Kunstwerke Erkenntnisse schöpfen, in diese kosmische Sphäre tief eindringen, um als gewandelter Kunstbetrachter daraus hervorzugehen und dann im Bild diesen Dingen nachzuwarten, das ist schon besser. Denn die Gleichzeitigkeit mehrerer selbstständiger Themen ist eine Sache, die nicht nur in der Musik sein kann, wie alle typischen Dinge nicht nur an einem Ort gelten, sondern irgendwo und überall verwurzelt sind, organisch verankert.«*

Man sieht: Klee versteift sich keineswegs auf einen strengen Parallelismus zwischen den Welten der Klänge und des Auges, dem übrigens auch sehr enge Grenzen gesetzt wären. Wenn eine Lektion von ihm zu lernen ist, so diese: Die beiden Welten haben ihre jeweilige Eigenart, und die Beziehung zwischen ihnen kann allein struktureller Natur sein. Wörtliche Übersetzung steht unter Strafe: Sie heißt Absurdität.

Mit seiner Art, eine andere Technik als die eigene aufzugreifen, aus ihr einen originellen und bereichernden Gesichtspunkt abzuleiten, steht Klee einzig da. Diese strukturelle Annäherung, die schrecklich trocken und pedantisch geraten könnte, ist bei ihm voller Poesie und Erfindung, voll Humor und Geist.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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