Paul Klee und die Musik 17

Das ist, als wenn man die »Sonate von Vinteuil« aufgrund dessen nachkomponieren wollte, was Proust uns darüber sagt: Er beschreibt mit großem Aufwand an Einzelheiten ein Objekt, das nicht existiert oder nur in der Phantasie zu existieren vermag; die Wirklichkeit macht den Traum zunichte. Mit Klee verhält es sich nicht anders; all seine Instrumente und deren Interpreten sind nicht dazu gemacht, gehört zu werden. Der Musiker kann versucht sein und ist versucht gewesen, diesen Phantasien eine konkrete Form zu geben. Aber — so scheint es mir — Klee gehört ebenso wenig wie Kafka oder Proust der Realität an; sie gehen zwar von ihr aus, aber sie entziehen sich ihr bis zu jenem Punkt, wo jegliche »Umschrift« trivial werden muss. Die Bilder von Elstir zu sehen ist genauso unmöglich wie Vermeers gelben Wandfleck in Bergottes Todesstunde, und kein Ingenieur vermöchte die Maschine der »Strafkolonie« zu konstruieren, geschweige denn, sie in Bewegung zu setzen. Wir mögen darüber enttäuscht sein, aber wir müssen auf dieses ziemlich aussichtslose Vorhaben verzichten, das nicht sehr weit führen kann und das darin besteht, eine poetische Erfindung, koste es was es wolle, in die Welt der Realitäten zu übertragen.

Die Sprache des Sehens unterscheidet sich von der des Hörens, die Prinzipien der Akustik sind keineswegs die der Farbe. All die Gleichsetzungen, die hier versucht wurden, bleiben wirr und verschwommen, sind an den Haaren herbeigezogen oder stützen sich auf unhaltbare Entsprechungen. Die beiderseitigen Gesetze sind nicht schon deshalb gleich, weil Wellen des Schalls und Wellen des Lichts existieren. Es gibt das Moment der Verkörperung, und dies macht es aus, dass der Klang, das Klangtimbre, sich unterscheidet von der Farbe.

Das bedeutet allerdings nicht, dass nicht doch gewisse Parallelen der Gestaltung möglich sind. Ich denke zum Beispiel an ein grundlegendes Konzept: die musikalische Ornamentierung. Das Prinzip der Variation besteht darin, aus einer einfachen melodischen Linie mit begrenztem Umriss Elemente abzuleiten, welche von bestimmten Polen kommen, die Ursprungsmelodie umspielen und auszieren, sie reicher machen, ihr zusätzlichen Sinn geben, sie in Zeit und Raum ausweiten. Zwischen der Melodielinie und ihrer Erweiterung, ihrer Ornamentierung, lassen sich Beziehungen erkennen, welche im melodischen Bereich, aber auch durch die Harmonik unterstrichen werden können; ist zum Beispiel eine melodische Ursprungslinie von einer bestimmten Akkordfolge gestützt, und kehrt diese gleiche Akkordfolge unter der ausgezierten Linie wieder, so wird es sehr viel leichter, die Beziehung der komplexen Linie zum einfachen Grundmodell zu erkennen.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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