Paul Klee und die Musik 18

Um dieses Konzept zu erklären, zeichnet Klee eine Linie und ziert sie aus: Er umgibt sie mit mehr oder weniger naheliegenden, sich mehr oder weniger ausweitenden volutenartigen Ornamenten, wobei die Strichführung vom Feineren zum Dichteren übergeht. Seine Zeichnung ist die getreue »Umschrift« einer melodischen Linie ― es geht ihm eindeutig um den Vergleich. Nun kann man tatsächlich angesichts einer Partitur auf den Gedanken verfallen, dass eine Melodielinie die Entsprechung zu einer gezeichneten Linie sei. Ich meine eine Linie, die entsteht, wenn man die Notenköpfe eines Systems als bedeutungsunabhängige geometrische Punkte ansieht und miteinander verbindet. Nichts hindert daran, der Klarinettenmelodie im langsamen Satz des »Klarinettenquintetts« von Mozart, des Musikers, welcher der Gefühlswelt Klees zweifellos am nächsten stand, ein graphisches Äquivalent zu geben. Doch gegenüber der Musik bedeutet diese Reduktion ein mehr als summarisch-oberflächliches Resultat.

Pierre Boulez

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Veröffentlicht von

Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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