Paul Klee und die Musik 19

Übrigens hat Klee mit einer der Sonaten für Violine und Cembalo von Bach eine solche Transkription versucht. Es handelt sich dabei um eine tonbuchstabengetreue Übertragung.

Nun besteht das Wesen einer Melodie nicht darin, eine mehr oder weniger schöne visuelle Umsetzung zu ermöglichen. Umgekehrt kann eine bewunderungswürdig geschwungene Kurve, in Noten übertragen, zu einer überaus banalen Melodielinie führen. Das Auge ist nicht imstande, aus dem Verlauf dieser Kurve die Feinheit von Intervallen, deren fallweise Wiederkehr, ihre Beziehungen mit der Harmonik, kurz all das, was den Wert einer Melodielinie ausmacht, herauszulesen. Hier sind andere Kriterien vonnöten, denn es handelt sich dabei um Dimensionen, welche der optischen Darstellung unzugänglich bleiben.

Das Prinzip, das wir aus den Beispielen Klees festhalten müssen, lautet: Es gibt eine Hauptlinie, und es gibt Nebenlinien, und man muss zu ermitteln suchen, wie sich diese Nebenlinien geometrisch zur Hauptlinie verhalten.

Klee bleibt übrigens immer sehr pragmatisch, seine Beobachtungen sind äußerst scharf und gleichzeitig auf direkteste formuliert. Nachdem er erklärt hat, wie eine ausgezierte Linie sich zu der einfachen Ursprungslinie verhält, fügt er erläuternd hinzu: »Etwa dem Gang eines Menschen mit seinem frei laufenden Hund vergleichbar«.* Da haben wir es… Aber wie viele sind imstande, vom Hundegang auf die sehr allgemeine und abstrakte Idee der Ornamentierung zu kommen? Jedes Ding, auch das banalste, beginnt unter unseren Augen ein neues Leben anzunehmen.

Die pädagogischen Schriften von Klee enthalten ein Kapitel über die Perspektive, das im Hinblick auf seine optischen Darlegungen sehr wichtig ist. Es handelt sich dabei um eine vollständige Erneuerung der realistischen, wissenschaftlichen Definition, welche die Künstler der italienischen Renaissance von der Perspektive gegeben hatten, einer Theorie, die lange Zeit unangefochten bleiben sollte.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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