Paul Klee und die Musik 20

Klee nun geht von einem unübertrefflich einfachen Beispiel aus, den Eisenbahnschienen, und fordert seine Schüler auf, sich das Spiel einfacher Perspektiven vorzustellen, welche sich verschieben, je nach dem Punkt, an dem sich ein imaginärer Betrachter des Bildes befinden könnte. Steht er auf der rechten Seite, so wird die Perspektive nicht die gleiche sein wie wenn er sich auf der linken oder in der Mitte befindet. Dies ist die Seitenoptik. Aber es gibt auch eine Vertikaloptik. Klee kombiniert unterschiedliche Operationen mit Hilfe horizontaler Ebenen auf verschiedenen Höhen und verschiedener von rechts nach links gestellter vertikaler Ebenen. Dadurch gelangt er rasch zu einem dreidimensionalen beweglichen Raum. Er zeigt seinen Schülern, wie ein Raum zu bauen wäre, dessen Zentrum sich verlagert, und welche Wirkungen diese Verlagerung auf die Farbintensität ausüben kann. Er unterstreicht die Bedeutung der Augenhöhe, die Konsequenzen, welche die Veränderung der Verhältnisse zwischen Höhe und Horizont nach sich zieht. Diesen Prinzipien gemäß hat Klee eine Reihe von Bildern aufgebaut und dabei vielfache Perspektiven aufeinander folgender, sich durchdringender Räume gestaltet. Um die Verformungen zu erläutern, welche das Auge der Perspektive zufügen kann, schlägt er folgende Übung vor: »Man bringt eine Glasscheibe in senkrechter Lage fest an und stellt sie in Augennähe vor den zu projizierenden Gegenstand. Mit einem Auge, das seinen Ort fest einzuhalten hat, muss beobachtet werden. Mit Tusche oder Fettstift zeichnet man die wesentlichen Linien des Gegenstandes auf die Glasscheibe. Aufnahmen auf eine nicht senkrecht stehende Glasscheibe werden als unrichtige Zerrbilder empfunden.«* Dieses Phänomen war in der Vergangenheit für bestimmte manieristische Gemälde genutzt worden. Klee, der die Meinung vertritt, dass »perspektivisch richtig zu zeichnen schon deshalb keinen Wert hat, weil es auf diese Weise jeder kann«**, entwickelt die Möglichkeiten dieses Phänomens weiter, macht ein Konstruktionsprinzip daraus, untersucht die Spannungen, die zwischen Oberflächenpaaren ins Spiel treten, gelangt zu einer »Synthese der räumlich-plastischen Darstellung und der Bewegung«: »Es handelt sich innerhalb des Künstlerischen darum, auf Grund des Gesetzes Bewegung zu schaffen, Abweichungen unter Bezugnahme auf das Gesetzmäßige.«*** Die überkommende Technik erlaubte nichts dergleichen.
Für all diese Prinzipien, denen Klee eine solche Kraft zu geben wusste, lassen sich Entsprechungen in der Musik finden, vorab in der Orchestralen. Nehmen wir zum Beispiel die »Fünf Orchesterstücke« op. 16 von Schönberg oder »La mer« von Debussy, genauer: dessen zweiten Satz »Jeux de vagues«. Diese Werke stellen eine bestimmte musikalische Realität dar, und zwar aufgrund der Schreibweise, der Thematik, der Themenentwicklung, der Harmonik usw., aber diese musikalische Realität, dieser musikalische Gegenstand wird unter verschiedenen klanglichen Perspektiven gesehen, die in unterschiedlichen Instrumentalgruppen ihre Entwicklung finden. Eine Gruppe hebt etwa das Profil der melodischen Linie hervor, eine andere hat die Aufgabe, der gesamten Harmonik ein akustisches Gefüge zu geben. Und dabei kommt es zu Perspektivwechseln, je nachdem, wie die Zeit in diese Perspektive hineinspielt.
So lassen sich bei Debussy Klangzeichnungen über einer Harmonie finden, welche in einer gegebenen Geschwindigkeit verlaufen, in punktierten Sechzehnteln genau gesagt, und andere in Sechzehnteltriolen, also in einem geringfügig langsameren Tempo. Diese beiden Zeichnungen, welche raum-zeitlicher Natur sind — denn sie gehören gleichermaßen der Zeit an wie sie ein Hör- oder Klangobjekt im Raum bilden —, überlagern sich. Ohne dass der Komponist absichtlich mit einer musikalischen Perspektive gespielt hätte, ist sie entstanden. Die Deduktionen, die sich hier ziehen lassen, sind unbegrenzt. Man kann daraus zum Beispiel ein musikalisches Objekt ableiten, das gleichzeitig unter mehreren perspektivischen Blickwinkeln gesehen ist, oder ein musikalisches Objekt, das sich entwickelt, während die akustische Perspektive auf dieses Objekt je nach Gang und Grad der Entwicklung wechselt.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

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