Paul Klee und die Musik 22

Zu einer bestimmten Zeit hat Klee viel auf der Grundlage des Schachbretts gearbeitet. Man könnte fast auf die Frage verfallen, ob er vom Schachbrett besessen gewesen sei. Mitnichten, aber er fand im Schachbrett ein sehr komprimiertes, in starkem Bezug zur musikalischen Welt stehendes Thema, das der Aufteilung von Zeit und Raum: ein Aufteilung in die Horizontale — die Zeit — und in die Vertikale — den Raum. Was geschieht beim Lesen einer Partitur? Die Zeit ist horizontal angeordnet, sie verläuft immer von links nach rechts. Der Raum: Das sind die Akkorde, die melodischen Linien und die Intervalle, die sich in der Vertikalen ausbreiten. Die vertikale Komponente des Schachbretts gibt Rechenschaft über Intervalle, die horizontale Komponente dagegen stellt die zeitliche Aufteilung dar. Wenn nun Klee sich dieses Prinzips bemächtigt, so ist es fesselnd zu sehen, welchen Unregelmäßigkeiten er es unterwirft. In dem Bild »Rhythmisches« beispielsweise verwendet er das normale Schachbrett, schwarz und weiß. Aber er zeigt uns, dass man nicht gezwungen ist, sich sklavisch an den Wechsel von schwarz und weiß zu halten, dass der Rhythmus eines Schachbretts anders als nur »in zwei« verlaufen kann. Es kann ein Dreierrhythmus werden, wenn es sich um Weiß-Schwarz-Grau handelt. Dies gibt eine andere Gliederung des Raumes, welche nicht allein das Modul 2 betont, sondern auch das Modul 3, das Modul 4 oder alle anderen Module, die anzuwenden möglich ist.

Niemand verwehrt uns, einen Schritt weiterzugehen und die Variationen des Moduls zu erkunden. Warum mechanisch wiederholen: Weiß-Schwarz-Grau, Weiß-Schwarz-Grau usw.? Das wäre langweilig. Es gibt die Möglichkeit, diese Gliederung aufzubrechen, und sei es nur durch Umstellung der Farben: Grau-Weiß-Schwarz, dann Weiß-Schwarz-Grau mit der Maßgabe, dass die Trennung der Module jeweils durch eine unterschiedliche Farbe geschehe ― sofern man sich nicht im Gegenteil dafür entscheidet, die Module durch eine gemeinsame Farbe miteinander zu verbinden. Gedankenspiele über Gedankenspiele.

Eines davon wäre, das Modul zu modulieren, das heißt, von einem Schachbrett auf der Basis Zwei auszugehen, das Modul von Zwei auf Vier zu erweitern, und ihn dann wieder schrumpfen zu lassen. Damit ist auf dem Schachbrett, in dieser Raumgliederung, eine Grußform entstanden, welche die Ausweitung und anschließende Verengung des Moduls anschaulich macht. So wird nicht nur ein gegliederter, in messbare Einheiten unterteilter Raum umrissen, sondern auch ein mit bestimmter Richtwirkung modulierter, wobei die Richtwirkung in ihrer Größenordnung wie im Charakter ihrer Entwicklung messbar ist.

Pierre Boulez

Advertisements

Veröffentlicht von

Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s