Paul Klee und die Musik 26

Das Phänomen der dem Schriftbild zugemessenen Bedeutung ist übrigens keine Eigenart speziell der zeitgenössischen Musik, man begegnet ihm auch in der Musik des Mittelalters und bis ins 16. Jahrhundert hinein. All diese optischen Raffinessen wurden zwar im 17. Jahrhundert aufgegeben, doch war ihre Tradition sehr zählebig und wirkte noch am Ende der Barockzeit, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nach. Ich denke in diesem ganzen Zusammenhang besonders an verschlüsselte Partituren der »Ars nova«, die auf schwer zu ergründenden zahlenmäßigen Kriterien aufgebaut sind und uns teilweise noch heute unlösbare Rätsel aufgeben.
In allen Werken, in denen Klee sich am musikalischen Schriftbild inspiriert, setzt er lediglich dessen Erscheinungsform rein visuell um. Er borgt sich einzig die Zeichen und verwendet sie etwa so, wie man mit chinesischen Schriftzeichen — ihrer ästhetischen Qualität, nicht ihrer realen Bedeutung wegen — verfahren könnte. Der Musiker kann bewundern, wie die Phantasie des Malers sich der Symbole seiner Notenschrift bemächtigt hat, deren visueller Reiz umso höher erscheint, je weniger sie durch irgendeine Sinngebung abgestempelt sind: Sie stehen um ihrer selbst Willen da. Aber es ist gerade diese Spaltung von Bedeutung und Zeichen, die den Musiker dahin führen muss, über die Gültigkeit und Eigenart seiner eigenen Schreibweise nachzudenken.
Wie gesagt: Es ist nicht neu, das Problem des Komponisten, der seiner Partitur im wörtlichen Sinne schreibt und dabei verführt werden kann von Konstruktionen, von Kombinationen, die sich auf dem Papier vortrefflich ausnehmen. Selbst in dem hoch kontrollierten System einer streng kanonischen Schreibweise schätzt das Auge — ich sagte es bereits — eine Symmetrie ab, die das Ohr nicht wirklich zu erfassen vermag. Und heute wir in der Vergangenheit sieht sich der Musiker vor dem gleichen Dilemma: der Vermengung von Raum und Zeit.
Jetzt darf natürlich der berühmte Satz aus Wagners »Parsifal« nicht fehlen: »Zum Raum wird hier die Zeit.« Sind die beiden Begriffe, die von diesen Worten umschlossen werden, vergleichbar? Reicht ein Wechsel des Parameters hin, um sowohl für die Musik, als auch für die Malerei die gleichen Schlussfolgerungen ziehen zu können?
Beim Betrachten eines Bildes ist der Raum nicht der einzige Parameter, auch die Zeit spielt eine bedeutsame Rolle. Man kann fast mit einem Blick eine Zeichnung oder ein Gemälde in seiner Gesamtheit erfassen, vorab bei Klee: Die Abmessungen sind nicht sehr groß, die Mehrzahl seiner Bilder hat sogar ein ziemlich kleines Format. Jedenfalls glaubt man, das Bild sofort zu umfassen. Man mag es zwar nicht im Einzelnen ausgelotet haben, aber die Gesamtstruktur ist sehr schnell aufgenommen. Dann beginnt man das Bild zu analysieren, und dies nach einer individuellen Ordnung, einer persönlichen Wahl. Das Interesse richtet sich gezielt von einem Punkt auf einen anderen; wenn sich die Wahrnehmung mit Einzelheiten vollgesogen hat, tritt man zurück, um eine allgemeinere Übersicht zu bekommen. Dies wiederholt man nach Belieben so lange, bis man glaubt, das Bild nun ausreichend zu kennen.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

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