Paul Klee und die Musik 27

Dabei steht es dem Betrachter jederzeit frei, die entdeckten oder vermuteten Beziehungen rasch zu überprüfen. Die Entfernung zwischen den unterschiedlichen Punkten der Fläche ist nicht so groß, dass eine gewisse Zeit nötig wäre, um zu kontrollieren, ob beispielsweise dieser rote Fleck in einer Ecke mit einem anderswo befindlichen ockerfarbenen Spritzer korrespondiert: Das Gedächtnis spielt eine nur minimale Rolle, denn der Vergleich erfolgt augenblicklich.
Man kann auch die Zeit mit in Betracht ziehen, die sich in der Arbeitsweise des Malers abbildet. Nimmt man eine Geste wahr, die Picassos beispielsweise, erfasst man im Rückblick deren Aktionsgeschwindigkeit. Vielleicht ist ihr Existenzgrund nicht klar erkannt worden, vielleicht war sie sorgfältig von langer Hand vorbereitet, aber die Geste selbst teilt ein sehr reales Gefühl der Malgeschwindigkeit mit.
In manchen Bildern von Klee dagegen können wir an den so ausgearbeiteten, so texturen- und materialreichen Hintergründen aufs Deutlichste den langsamen Prozess ablesen, der zu diesem Resultat geführt hat. Wir verstehen sogleich, dass die Zeit einen wichtigen Anteil nicht nur an der Ausarbeitung der Konzeption hatte, sondern auch an den praktischen Aspekten der Arbeit, sei es auch nur, weil ein paar Tage lang das Trocknen einer Schicht abgewartet werden muss, bis eine neue aufgetragen werden kann. Wie verhält es sich nun aber in der Musik? Zunächst ist kein Gesamteindruck des Werkes möglich, ehe man es nicht bis zu Ende gehört hat. Es bleibt also keine andere Wahl, als seinem Verlauf zu folgen. Man kann dabei nicht hier- und dorthin abschweifen (ich spreche natürlich von der Situation im Konzert); die Kenntnis der Einzelheiten wie der Gesamtform wächst im gleichen Augenblick. Nur die Arbeit des Gedächtnisses setzt ns in den Stand, die Form zu überschauen, eine andere Möglichkeit gibt es nicht.
Ein bestimmtes Merkmal tritt sehr stark, sehr deutlich hervor; kehrt nun dasselbe Merkmal oder derselbe Merkmal-Typus wieder, so wird dies vom Gedächtnis registriert und man versteht, dass zum Beispiel ein Abschnitt des Stückes zu Ende ist und ein anderer folgt. Der Komponist kann dem Hörer zahlreiche Signale geben, die ihm beim Verfolgen des musikalischen Ablaufs behilflich sind. Will man jedoch eine genauere Kenntnis haben, muss man das Werk von Neuem in der gleichen Richtung hören: von Anfang bis Ende.
Wenn die »Denkzeit« vor einem Bild Sache des jeweiligen Betrachters ist, so ist die »Denkzeit« bei der Musik abhängig von der Aufführungszeit; das Erfassen kann dadurch stark verunsichert werden. Nur die Wiederholung, vor allem aber die Wiederholung in Einzelabschnitten, vermag diese Bedrohung durch die Zeit abzuschwächen, denn die Wiederholung in Einzelabschnitten ähnelt der Partiturlektüre, die im Hin und Her verläuft.
Die Trennlinie zwischen einem professionellen Musiker und einem mittleren Amateur liegt genau in der Fähigkeit zu lesen, das heißt; die Musik nach Wunsch zu fragmentieren, sei es in ihrer horizontalen, sei es in ihrer vertikalen Dimension. Nicht im Besitzt dieses praktischen Untersuchungsinstruments, bleibt dem Amateur nichts anderes übrig, als zu hören und immer wieder zu hören… Die musikalischen Reproduktionsmittel öffnen ihm dazu alle Möglichkeiten.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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