Paul Klee und die Musik 29

Mit anderen Worten: Der Zeitbegriff in der Musik ist eine Einbahnstraße; der Raum in der Malerei ist multidirektional. Ein Raum in der Musik ist etwas völlig anderes. Ich spreche nicht vom realen Bühnenraum, der an die Maßverhältnisse des Saales gebunden ist, obwohl die Raummaße für die Klarlegung der Textur des Werkes und für die Unterstreichung der in der Partitur angelegten Richtungen ihre Bedeutung haben können. Dringt man jedoch ins Innere der Partitur selbst ein, so kann die Entsprechung zum Bildraum durch das Register definiert werden: hoch, mittel, tief — dicht, aufgelockert — kleine Intervalle, größere Intervalle, gleiche oder ungleiche Intervalle ― ein symmetrisches Register mit gegebenem Zentrum oder ein völlig unsymmetrisches Register.

So gesehen lassen sich bestimmte Zeichnungen von Klee durch Register-Entsprechungen »übersetzen«. Für den Musiker ist der Tonhöhenraum fast visueller Natur. 

Aber der Raum lässt sich auch mit dem Begriff der Zeit, mit dem Rhythmus, verbinden. Eine langsame Gangart, ein lockeres Schriftbild ähnelt sich dem fast leeren Raum an; ein sehr schneller Zeitverlauf mit einem sehr gedrängten Schriftbild gemahnt augenblicklich an einen dicht gefüllten Raum. 

Wie wir sehen, haben Zeit und Raum in der Musik und in der Malerei nicht die gleichen Funktionen. Sie können einander äußerst ähnlich werden, sie können aber auch äußerst verschieden sein.

Indessen: Zwischen dem Beispiel, das Klee uns zu geben vermag — indirekt mit seinen Werken, auf weit direktere Art mit seinen Vorlesungen — und dem, was wir daraus für die Musik gewinnen können, steht ein absolut notwendiger Prozess der völligen Umstellung. Man braucht nicht unbedingt zu wissen, welchen Stellenwert die Musik in Klees Schaffensprozess tatsächlich einnahm; wichtig zu wissen ist jedoch für den Musiker, dass Klees visuelle Ableitungen in eine Klangwelt übertragen werden können, vorausgesetzt, die Entsprechung vollziehe sich auf einem sehr hohen strukturellen Niveau.

Pierre Boulez

Advertisements

Veröffentlicht von

Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s