Paul Klee und die Musik 31

Gewiss, es gibt Architekturen, die zur Geste zwingen. Die Venezianer müssen in San Marco die Antiphonie anwenden, sonst befinden sie sich im Widerspruch zu dem vorgegebenen architektonischen Grundriss: Um lesbar zu sein, verlangt die Antiphonie die Trennung der Klangquellen. Die Aufstellung des Requiems von Berlioz dagegen ist an ihre Ursprung symbolischer Art: eine Geste, die erst im Nachhinein zu einer Schreibweise wird.

Die an die Architektur gebundene Geste darf nicht an die Stelle von Denken und Schreibweise treten: Geste und Schreibweise müssen nahtlos ineinander aufgehen. Ich habe »Répons« nicht als eine Art Viereckspiel geschrieben: Der Titel entspricht genau der durch die Platzierung der Instrumente »verdinglichten« musikalischen Struktur. Die Entfernung zwischen den an der Peripherie des Saales hinter dem Publikum aufgestellten Solisten und dem in der Mitte vor dem Publikum postierten Kammerensemble verkörpern sich in und durch die Schreibweise. Die Nähe des Dirigenten zur Zentralgruppe garantiert deren rhythmischen Zusammenhalt: Seinen Schlägen folgt das Orchester mühelos, seien auch noch so komplex. Die räumlich entfernten Solisten hingegen können nur auf einen einfachen, langsamen Schlag oder auf Zeichen zum Zusammentreten oder Auseinandergehen reagieren. Die Schreibweise für die Solisten ist somit grundsätzlich anderer Natur als die für das Zentralensemble. Der Kern des Werkes, der entscheidende »Répons«, besteht in der ständigen Gegenüberstellung der beiden typologisch verschiedenen Schreibweisen. Verräumlichung und Inhalt sind nicht voneinander zu lösen. Verschanzt man sich im Spektakulären, verfällt man der Gestikulation und der Willkür.

Wir haben gesehen, dass die Begriffe Raum und Zeit, unter dem Blickwinkel von Malerei und Musik betrachtet, sich antinomisch zueinander verhalten.

Auch bei einem Werk der klassischen Musik, mit dem der Hörer auf vertrautem Fuß steht, ist es ihm nicht möglich, sich die Musik in der Zeit und in jedem Augenblick als ein Ganzes zu vergegenwärtigen. Die Merkpunkte, die er erfassen kann, sind beim Hören durch einen nicht zusammenpressbaren Zeitraum voneinander getrennt. Sie stützen sich auf eine rückwirkende Erinnerung, welche eine Art von virtueller Gesamtschau auslöst und erlauben eine ganz provisorische Rekonstruktion, die sich aufgrund eines anderen Merkpunktes wieder aufhebt oder modifiziert. Der Hörer bewegt sich so von Rekonstruktion zu Rekonstruktion; dabei erleichtert ihm die tiefere Kenntnis des Werkes die kontinuierliche »Wiederaufbauarbeit«.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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