Paul Klee und die Musik 33

Darum waren die Formen der klassischen Musik, wie etwa die Sonatenform, für den, der sie ein wenig kannte, ein Mittel zur Orientierung innerhalb eines Werkes. Sie spielten und spielen noch immer die Rolle einer Gedächtnisstütze.

Die klassische Form ist in ihrem repetitiven Schema der klassischen Architektur vergleichbar. Ohne das ganze Gebäude zu sehen, kann man voraussehen, was dem Auge noch verborgen ist. Der Raum selbst und die Proportionen der verschiedenen Baukörper sind ablesbar am Kolonnaden-Rhythmus; es ist klar, dass man nicht die Säulen zählt, die Abschätzung vollzieht sich auf einen Blick. Bestimmte zeitgenössische Architekturen sind schwerer zu lesen, weil sie sich je nach Blickpunkt verändern, und weil sie einige ihrer Charakteristiken der Skulptur entlehnen. Wie die rhythmische Pulsation es in der klassischen Musik erlaubt, die Zeit zu messen, so erlaubt sie es in der Architektur, den Raum zu messen: Diese Möglichkeit des Schätzens und Messens schafft ein reales Gefühl von Sicherheit.

Etliche Wolkenkratzer, speziell in den Vereinigten Staaten, lassen sich beim Betrachten beinahe nicht in Stockwerke unterteilen; aus einer gewissen Entfernung erwächst so der Eindruck ungeheurer glatter Flächen, die den Begriff der realen Höhe vollkommen relativieren. Andererseits kann die Unterteilung auch betont werden, dann aber auf irreführende Weise wie beim John Hancock Center in Chicago; die Perspektive ist wirklich und unwirklich zugleich.

Dies führt uns erneut zu den bewundernswerten Vorlesungen Klees über die Perspektive: »Je tiefer die imaginären Projektionslinien höhere Dimensionen treffen, desto besser.«*

Doch kommen wir auf den Musiker zurück, der sich einem Werk Klees gegenübersieht. Es wird für ihn immer äußerst fruchtbar sein, den spezifischen Problemen dieses Werkes und den Lösungen, die der Maler vorgeschlagen hat, nachzugehen, seine Untersuchungsmethoden zu analysieren und intuitiv zu versuchen, eine Entsprechung zu finden zwischen dem Vorgehen des Malers und seinem, des Musikers.

Ich bin völlig überzeugt, dass Gesichtspunkte aus einem gänzlich anderen Wirkungsfeld einen Schock in unserer eigenen Betrachtungsweise des kompositorischen Prozesses hervorrufen können, ein Auslöse-Vorgang, der möglicherweise nie stattgefunden hätte, wäre man im gleichen professionellen Bereich geblieben. Die Distanz kann die Phantasie auf eine produktivere Bahn leiten und zu Lösungen führen, an die man zuvor nie gedacht hätte. Ich nenne ein paar Anregungen aus der Literatur: Hoffmanns »Lebens-Ansichten des Katers Murr«, den »Ulysses« von Joyce, Büchners »Woyzeck«, Prousts »Recherche du temps perdu«, Kafkas »Bau«.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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