Paul Klee und die Musik 35

Die Spontaneität jedoch kann nicht alles bewirken, denn sie stütz sich zu sehr auf die Erinnerung. Je weiter man in der Laufbahn des Komponisten voranschreitet, desto besser — so hoffen wir — beherrscht man zumindest das Handwerk. Aber desto mehr auch, und sei es unbewusst, richtet man eine Bibliothek der Prozeduren, einen Werkzeugkasten ein, die es erlauben, mit größerer Leichtigkeit und Gewandtheit zu schreiben. Und was man für eine originelle Lösung, einen spontanen Fund halten möchte, ist vielleicht nur ein Streich, den einem das Gedächtnis spielt. In solchen Fällen sollte man auf die Hilfsdienste der Erinnerung verzichten, weil man eine Situation zu meistern hat, die nicht von unbewussten Reminiszenzen unterlaufen werden darf.

Darum ist es bisweilen notwendig und nutzbringend, am anderen Ende des Tunnels zu graben und zu versuchen, ohne allen Kontext mit Elementen zu spielen, Entwürfe ohne genauen Zweck zu machen und zu sehen, was sich daraus ergibt. Man kann sich selbst in eine Lage bringen, in der man die Verbindungen mit seiner eigenen Vergangenheit fast gänzlich abgeschnitten hat und gezwungen ist, neue und unvorhergesehene Lösungen zu ersinnen. Wir haben es also mit einer Wechselwirkung zwischen Phantasie und Strenge zu tun, aus der ein kraftvoller Impuls erwächst ― gerichtet auf die Realität eines Werkes.

Natürlich lassen sich Komponieren und Experimentieren nicht so säuberlich auseinanderhalten. Es ist sogar unmöglich, das eine vom andern zu trennen; und wenn auch das Komponieren bisweilen eine gewisse Distanz verlangt, so ist doch jedes der Spiegel des anderen.

Beim Klee der Bauhaus-Periode sind die beiden Pole seiner schöpferischen Tätigkeit sehr klar zu erkennen. Die »theoretisierende« Umgebung des Bauhauses hat ihn in eine radikalere Richtung gedrängt, soviel ist gewiss. Es gibt aus diesen Jahren eine größere Anzahl von Zeichnungen und Gemälden, die sich der geometrischen Abstraktion nähern. Klee bemächtigt sich er einfachsten Elemente: des Schachbretts, des Kreises, der Geraden, und leitet daraus vollkommen logisch alle möglichen Variationen, Kombinationen, Verbindungen, alle wechselseitigen Beeinflussungen ab. Im Kontrast dazu führt er stark figürliche Elemente ein und scheint an der Konfrontation der beiden Welten seine Freude zu haben.

Aber selbst seine Geometrie ist keine objektive Geometrie. Das unterscheidet ihn von Kandinskij, für den eine Gerade eine absolute Gerade ist, ein Kreis ein absoluter Kreis. Es sind dies vollkommene geometrische Formen, gezogen mit zweckentsprechenden Geräten, wie auch Techniker und Ingenieure sie benutzen. Und wenn wir die sehr strenge Ordnung dieser Kandinskij-Bilder auch bewundern mögen, so erscheinen sie uns doch in gewisser Weise als völlig anonym. Der Geist ist mächtig, aber das Fleisch ist nicht einmal schwach, es ist ganz einfach nicht vorhanden.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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