Paul Klee und die Musik 37

Man kann nicht erfinden ohne ein gewisses Maß an Logik, einen gewissen Anteil von Zusammenhang und Logik in den Deduktionen. Aber man darf nie der Gefangene einer Logik werden, weder einer akademischen noch einer selbsterfundenen. Klee hat das sehr wohl gezeigt: So schädlich und unfruchtbar die genaue Beachtung der Geometrie sein kann, so imaginativ und produktiv erweist sich ihre Übertretung. Das Problem ist das gleiche, wenn man Prinzipien schafft, um eine Klangwelt zu begründen; man muss gleichzeitig deren Übertretung entdecken und sich dieser Übertretung bewusst und willentlich bedienen, um die Starrheiten des Systems zu brechen, um jede Art von Unvollkommenheit, von Unbeholfenheit herbeizuführen, die so notwendig ist zur Erzeugung von Leben. In den Fundamenten braucht man Disziplin und Strenge, doch die Disziplin muss ständig durch die Anarchie bekämpft werden. Aus diesem Kampf geht die Poesie hervor, eine Poesie, die aus Kraftentfaltung und Wandlungsfähigkeit erwächst; eine Poesie, welche die Irrationalität in eine Welt hineinträgt, die einer soliden Struktur bedarf; eine Poesie, die den Konflikt zwischen Ordnung und Chaos transzendiert.

Wir wissen nur zu gut, dass ein Übermaß an Ordnung uninteressant ist: Können wir die Ereignisse zu leicht vorhersehen, verflüchtigt sich unsere Aufmerksamkeit; mit dem Chaos verhält es sich aus entgegengesetzten Gründen nicht anders. Was also muss getan werden, um Zusammenhalt und Vielfalt gleichermaßen zu erreichen?

Für diese Schwierigkeiten gibt Klee uns eine wunderbare Lektion. Er besitzt eine außerordentliche Deduktionskraft. Als junger, unerfahrener Komponist verfügt man über Ansätze in großer Zahl. Aus ihnen formen sich musikalische Ideen, die sehr stark, sehr richtungsbetont sein können. Hat man sie aber zu Papier gebracht, weiß man nicht recht, wie man sie miteinander verbinden, wie man Übergänge schaffen, wie man entwickeln soll. Manchmal sind diese Ideen zu reich, zu sperrig, und es bereitet große Schwierigkeiten, mit ihnen umzugehen. Wie unterteilt man sie in kleinere, handlichere Einheiten; wie führt man sie auf neutralere Komponenten zurück, die den text vollständig zu durchbluten vermögen; wie lässt man die Idee wuchern, zur gleichen Zeit, da man sie reduziert? Hier liegt das ganze Problem. Und man muss nicht nur imstande sein, abzuleiten und unter den möglichen Entwicklungen auszuwählen, sondern man muss auch genug Phantasie besitzen, um den Anstoß in Bewegung zu halten.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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