Paul Klee und die Musik 41

Das von Klee definierte organische Prinzip ist besonders wichtig in der Komposition: Wenn man musikalische Figuren bildet, so werden sie genau dafür geschaffen, sich gegenseitig zu verändern. Die großen Komponisten des deutschsprachigen Kulturkreises haben dieses Prinzip in geradezu beispielhafter Weise angewendet. In Bergs »Wozzeck« finden sich zwei leicht verständliche Belege dafür. Die Szene des dritten Aktes, in der Wozzeck ertrinkt, ist über einen Akkord angelegt. Dieser durchdringt alle Komponenten der Sprache. Bald gleitet er parallel an einer melodischen Linie entlang, bald wird er statisch, wird zerlegt, in Einzelbestandteile zerstückelt wie in einzelne Lichtpunkte, die abwechselnd aufleuchten, um ihr Vorhandensein anzuzeigen. Es handelt sich um ein Prinzip, das aus sich selbst heraus auf alle anderen übergreift, sie befruchtet. Das Beispiel erinnert nicht nur von fern an den Kreis und die Gerade bei Klee. 

Nun ein anderes Beispiel, wiederum aus dem dritten Akt von »Wozzeck«. Bevor der Akt beginnt, erklingt ein Hauptrhythmus von äußerst brutaler, bündiger Art. Eine große Trommel schlägt eine bestimmte Anzahl von Schlägen. Unmöglich, den Rhythmus zu überhören, denn in diesem Moment hört man nichts als ihn. Er ist, wie ich schon sagte, sehr brutal und sehr bündig. Die ganze folgende Szene wird nun von diesem Rhythmus beherrscht, der sich in alle Dimensionen ausbreitet. Wie die beiden Hauptpersonen des Films »The Lady from Shanghai« (1947, Regie: Orson Welles) an einer bestimmten Stelle in einer unendlichen Flucht von Spiegeln gespiegelt werden, so spiegelt sich in dieser Szene von »Wozzeck« die rhythmische Figur absolut überall, in allen Spiegeln der Sprache. Auch hier haben wir es mit einem aktiven Prinzip zu tun, denn dieser Rhythmus, losgelöst und nicht weiter als ein Signal, gibt der ganzen Szene durch seine Vervielfachung, durch seine Ausbreitung die Richtwirkung, verleiht ihr einen phänomenalen Antrieb. Es ist sehr viel bemerkenswerter, eine ganze Szene von einem einzigen Prinzip abzuleiten, als Gegebenheiten anzuhäufen, inmitten derer man sich nicht mehr zurechtfindet. Der Reichtum rührt in diesem Fall davon her, dass eine Zelle zu ihrer Höchstleistung getrieben worden ist.

Dies zu begreifen hat mich Klees Pädagogik gelehrt. Man muss lernen, die Phänomene zu deduzieren, aber auch zu reduzieren.

Pierre Boulez

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Zeitschrift kontext

Beiträge aus Kultur & Gesellschaft | seit 1988

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