»L’incoronazione di Poppea« an der Staatsoper Unter den Linden

Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît pas. (Blaise Pascal)

Amor ist überzeugt, dass allein die Liebe den Lauf der Welt bestimmt. Nackt ist er, bewaffnet, ein Kind und außerdem ist die Liebe blind… Gutes schafft sie im Fall von Claudio Monteverdis »L’incoronazione di Poppea« (1642/43) jedenfalls nicht. Stattdessen a- und demoralisiert sie alle: es ist das Bild einer dekadenten, skrupellosen Gesellschaft um den Kaiser Nero und seine Geliebte Poppea, das Monteverdi hier entwirft, und: je verwerflicher die Figuren, desto schöner, purer, goldener die Musik. Zur Besonderheit von Monteverdi-Opern gehört, dass erstmals in der Musikgeschichte Individuen zu erleben sind in all ihrem Fühlen und Denken, Planen und Zaudern. Nahezu ausschließlich besteht »L’incoronazione di Poppea« aus Monologen und Dialogen, die in intim anmutendem Rahmen geführt werden. 

Die »Opera musicale« stammt aber weder komplett von Monteverdi selbst, noch ist die Partitur vollständig. Deswegen muss in jeder Produktion recherchiert und neu zusammengestellt werden, auch im Orchester. Barockspezialist Diego Fasolis zeigt hier seine ganze Fach- und Stilkenntnis und setzt zum Beispiel einen Dulzian in den Orchestergraben, der vorzüglich schnarren darf, wenn Kaiser Nero singt. Die brillante Akademie für Alte Musik spielt engagiert, aber viele Nuancen verbleiben leider im Graben. Die neue Akustik des Hauses kann den Originalklang und den Gesang in ein angenehm weiches Gewand kleiden, ohne dass die Formen verschwimmen, wenn man auch dem Orchester einen angemesseren Raum einräumen würde.

Regisseurin Eva-Maria Höckmayr benötigt für das Spiel um Liebe, Macht und Ego nicht mehr als eine blattgoldene Bühnen-Fläche ohne Requisiten, die von Jens Kilian entworfen wurde und auf der ihr zum Teil schon recht abgehalftertes Personal in angedeuteten Renaissance-Kostümen die ganze Oper lang vollständig vertreten ist. Schnell fallen – der Liebe und der Lust wegen – erste Hüllen, und aus Poppea, nur in Unterrock und umgehängter schwarzer Jacke, wird eine moderne, frivole Frau, bevor sie sich am Ende zur eigenen Krönung eiskalt die rote Robe des toten Philosophen Seneca umhängt. Roberta Mameli singt und spielt die laszive Rolle so frei, so klar und mit elaborierter Zartheit, denn in eine machtgierige Femme fatale soll sie sich nicht verwandeln. Außerdem besticht die Regie durch parallele Interaktionen derjenigen, die gerade nicht singen. Eva-Maria Höckmayr liest auch die Zwischenzeilen, hört auch die Zwischentöne und nutzt sie zu erhellenden Bühneneinlagen. 

Das Solistenensemble ist mit dem barocken Idiom so vertraut, dass jede Verzierung, jede Klanggeste, aber auch jede spielerische Interaktion zur reinen Freude werden. Ganz leger und wunderbar gelungen ist das musikalisch-dramatische Wechselspiel aus Hosenrollen, Rockrollen und Countern: auf der Bühne sind Stimme, Geschlecht und Figur keine unverrückbaren Konstanten. Hier geht vieles, miteinander, gegeneinander, auch Neros Abgang im Liebesduett nicht mit der am Ende neurotisch-kriselnden Poppea, sondern mit dem nächsten, neuen Lover Lucano. In dieser Inszenierung ist am Ende keiner vor Amor sicher.

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Veröffentlicht von

Zeitschrift kontext

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