Paul Klee und die Musik

»Ich male eine Landschaft etwa wie den Blick von den weiten Bergen des Tales der Könige ins Fruchtland. Die Polyphonie zwischen Untergrund und Atmosphäre ist so locker wie möglich gehalten.«*

(Brief Paul Klee an Lily Klee, 17. April 1929)

 

Bilder von Paul Klee habe ich zum ersten Mal 1947 in einer Ausstellung, die die Pariser Galeristen Yvonne und Christian Zervos im Juli/August jenes Jahres während des ersten Festivals von Avignon im Papstpalast organisiert hatten, gesehen. Damals war Klee für mich kaum ein Name; seine Bilder hingegen hingen — soweit ich mich erinnere — in einer Ecke des Saales, in welchem andere, großformatige Werke das Auge sofort auf sich zogen. Doch gerade die Klee-Bilder waren es, die mich fesselten und einen bleibenden Eindruck hinterließen, das Verlangen weckten, mehr davon kennenzulernen.

Nicht immer löst die erste Berührung mit Klee Bewunderung aus. Man hat anfangs sogar das Gefühl einer etwas zu raffinierten, zu preziösen Kunst. Doch hinter diesem ersten Eindruck beginnt eine Kraft zu wirken, die zu gründlichem Nachdenken zwingt. Da gibt es keine Gewaltsamkeiten und aggressiven Gesten: Dieses Werk überzeugt, und diese Überzeugung ist von Dauer. Bestimmte Bilder von Klee liest man auf mindestens zwei Ebenen. Der Blick wandert vom Vordergrund zum Hintergrund, gleitet von einer Ebene zur anderen, registriert die Zusammenhänge und die Unterschiede. Man bewegt sich darin in vollkommen bewegungsloser Anschauung. Werke, die einer Polyphonie so nahe stehen, sind nicht eben zahlreich.

Pierre Boulez

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Wanderungen

Ein Fluß stürzt ins Leere und wird über dem gestuften, von Geröll bedeckten Abhang terrassiert, das steinerne Meer. Der Schaum seiner Strudel kocht und sott unter den Böen, das Echo verstärkte den Lärm zu tosenden, ineinsgreifenden Donnern (auch Schwaden). Und es dumperte über die Reliefs der Gipfel; Wolken flossen überkochend noch in die Formation der Felsen (Molke-Knotten mit Schotter), ihre Kofel (Glutgranitriffe zwischen Flyschdisteln und Dolomit-splittrigem Sinter) würden Gips-sichtiger: kieselig, Gischt und heller, dann an der Gand, als ob das Licht sich aper bricht in langen, und waaglos ~schlieren jetzt, rautigen Flexen auseinanderfiel: Raureif, der beides wie Emaille überzog. – Elfundelfzig Fels’chen, die klebrig schon ohne Sonne glänzten in Fädseln, Milch-flackrig, vom Tobel bleierner Fog, die Klamm, ihr Schimm’bel, und ein Geräusch wie die mit allen Nägeln beschlagenen Schluckschatten spuk’sender Spiegel, so fiel das vom vielen Regen eingefitzte Netz aus nur Fugen und Pflastern – wie ein Gießbach verschmiedet über Fälschbleche schellerte.