Zwei Seiten

Wenn man im Oval des neuen Pierre Boulez-Saals in Berlin auf der falschen, den Musikern abgewandten Seite sitzt, kann es passieren, dass die Zuhörer bald die Aufmerksamkeit verlieren, da sie nur sehr eingeschränkt von dem Dargebotenen mitbekommen. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn ein dominantes Instrument wie ein Flügel vor den anderen Instrumenten wie Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass platziert wird. Da kann sich eine Moderatorin, wie beim Kinderkonzert am 10. Dezember 2017, noch so sehr bemühen, den ganzen Saal in die Geschichte mit einzubeziehen.
Dargeboten wurde aus dem Klavierquintett A-Dur D 667, dem »Forellenquintett«, von Franz Schubert, nur der vierte Satz »Tema con variazioni«. Da hatte man sich bei der Konzeption bestimmt gedacht, mehr wäre den jungen Zuhörern zwischen sechs und zwölf Jahren nicht zuzumuten. So war die Veranstaltung auch bereits nach 45 Minuten beendet und nicht nur ein neunjähriges Kind fragte verwundert, ob das schon alles gewesen sei.
Gewiss, jüngere Kindergarten- und Vorschulkinder waren auch im Publikum und diese waren sicherlich angetan von der Moderatorin in gelben Gummistiefeln, wie sie da mit Eimer auf Forellenjagd ging. Und auch die eigentliche Zielgruppe, Grundschulkinder, fand mit Sicherheit das Hören des wiederkehrenden Themas in den unterschiedlichen Instrumenten spannend. Aber lässt sich da nicht noch mehr erkunden, hören, genießen außer einer netten Geschichte mit dem Forellenmotiv? Sind musikpädagogisch nicht andere Zugänge möglich außer einer Geschichte mit Fragen an die Zuhörer? Zumal ein Kinderkonzert in diesem exklusiven Rahmen doch eher musikalisch interessierte, womöglich auch geübte Kinder ansprechen dürfte.
So bleibt bei aller Sympathie für die jungen Musiker:innen, und einer sehr schönen Autogrammkarte, doch ein etwas unbefriedigtes Gefühl, nämlich ein Konzert besucht zu haben, in dem es wenig zu (er)hören gab.

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neue Platten

Manchmal gibt es diese Momente, in denen man denkt: Wie wunderbar wäre es, wenn alles vorbei wäre. Im Wissen, dass der so schöne Augenblick ja nicht verweilen kann. Und dass ihm nichts Berührenderes mehr folgen kann. So ist das nach dem letzten Takt von Franz Schuberts Fantasie f-Moll D 940. Wir ahnen, dass sich hinter dieser Schwermut aus Schuberts Sterbejahr 1828 eine persönliche Tragödie verbirgt, die womöglich noch viel schlimmer ist, als es die Widmung (»Der Comtesse Caroline Esterházy dediziert«) über dem Notenblatt vermuten lässt.* Und wir spüren das Schizoide darin, gerade zum Ende, wenn der Komponist nach einer Wendung zum D-Dur im vorletzten Abschnitt völlig unvorbereitet in das f-Moll-Ausgangsthema zurückspringt.

Diese Tragik formen Andreas Staier und Alexander Melnikov in einer Plastizität aus, die einem den Atem stocken lässt. Schon wie das Klavierduo einsteigt in das berühmte erste Thema – ganz behutsam, ungemein rubatierend, weil mit den Temposchwankungen die Zerbrechlichkeit der Musik besonders deutlich wird. 

Es ist zuweilen etwas schwierig zu erkennen, wer bei Einspielungen von Klavierstücken zu vier Händen, links und wer rechts zu hören ist. Es wird nicht einfacher, wenn zwei gleichgesinnte Seelen, beide auch technisch auf höchstem Niveau, zusammen spielen. Auch im CD-Booklet (mit einem ausgezeichneten Text von Karl Böhmer) werden dazu leider keine Angaben gemacht.

Andreas Staier und Alexander Melnikov wählten für diese Einspielung eine Nachbildung eines Hammerklaviers von Conrad Graf aus Schuberts Zeit, ein Wiener Instrument, das für seine ausgezeichnete Dämpfung bekannt war. Ein typisches Merkmal war das Dämpfer-Material (Wolle für den Discant und Leder für den Bass) und das Gewicht der Dämpfer: der Discant war heller als der Bass (die niedrigsten Dämpfer waren sogar aus Blei, so fielen sie schneller als der länger klingende Bass). Eine Reihe von Modellen waren sogar mit einem zweiten Resonanzboden ausgerüstet, der über die Saiten gelegt worden war, für einen milden, aber auch diffuseren Klang.

Beide Pianisten sorgen mit dieser Grundlage für die schönsten Momente dieser Musik. Hier fließt die Poesie mit der richtigen Melancholie, ein perfektes Timing und Phrasen eines vollkommen gleichwertigen Duos, die Instrumente wirkten harmonisch und mit Finesse zusammen. Die Fuge im »Finale« der Fantasie in f, D 940, bekommt dank der Eigenschaften des Hammerklaviers eine seltene Helligkeit. Das sagt auch etwas über die Qualität der Aufzeichnung.

Franz Schubert | Fantasie in f, D 940 • 4 Ländler D 814 • Marche Caractéristique in C, D 886 Nr. 1 • Acht Variationen über ein eigenes Thema in As, D 813 • Grande Marche in h, D 819 • Polonaise in d, D 824 • Rondo in A, D 951 | Andreas StaierAlexander Melnikov (Hammerklaviere von Christopher Clarke nach Conrad Graf) | Harmonia Mundi HMM 902227

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