Venezia Millenaria

Nach einer alten Sage stammen die Veneter von den Heneten ab, welche nach dem trojanischen Kriege aus Kleinasien kamen (904 vor Chr.). Sie sind eine der ältesten und berühmtesten Nationen in Italien, und besaßen ein weitläufiges, fruchtbares Gebiet im Norden und Westen des adriatischen Meeres. Bei dem Eindringen des Attila auch nach Italien (in der Mitte des 5. Jahrh.) flüchteten die Bewohner der Ebenen am Fuße der Norischen Alpen in einen Winkel des adriatischen Meerbusens, auf einige wüste Klippen und Inseln, wo schon 421 sich die Paduaner niedergelassen hatten, und legten hier den Grund zu der Stadt Venedig. Mehrere Flüchtlinge kamen hinzu: dadurch und durch die Kriege der Franken und Gothen wurde diese Colonie immer mehr bevölkert. Ihre Hilfsquelle war hauptsächlich das Meer, zugleich aber auch eine Schutzmauer gegen ihre Feinde und so auch ein Mittel zur Macht und zum Reichthum.

Von 700 bis 1797, über mehr als tausend Jahre hinweg, spielte die Stadt Venedig im Mittelmehrraum und in der Weltgeschichte eine vorherrschende Rolle. Die Stadt wurde von den Byzantinern gegründet. Diese versahen die Lagune, die zwischen zwei Flussmündungen mit kleinen prekären Küstenansiedlungen lag, mit einer Vermittlerdimension zwischen Orient und Okzident. Die Wasserstadt mit ihren verzweigten Kanälen wurde zur Domäne von Händlern aller Herkunft, die letztendlich alle dasselbe Ziel verfolgten: die Geschäfte, den Austausch und die Interessen zum Blühen zu bringen. Nach und nach richtete sich ein Handel ein, der Produkte aus dem Orient (Gewürze, Seide, Edelmetalle, Luxusgegenstände) ins Abendland brachte, während andere Produkte oder Lebensmittel (beispielsweise Salz oder Holz) Richtung Osten reisten.

Durch die Begründung einer »Republik«, die durch ein oligarchisches, von einem lebenslänglich in das Amt gewählten Dogen angeführtes Regierungssystem repräsentiert wurde, vertiefte Venedig ihre Unabhängigkeit gegenüber Byzanz, bis sie sich eher als Handelspartner und nicht als Vasall durchsetzte.

Im Verlauf dieses Jahrtausends wurde diese mythische Stadt dank ihrer Entwicklung als Seemacht reich, unabhängig und zu einer mächtigen Triebkraft. Nachdem sie Karl dem Großen Widerstand geleistet hatte, konkurrierte sie mit Rom, bis sie sich in die erste Wirtschaftsmacht des Mittelmeergebiets verwandelte. Dadurch wurde ihr eine Entwicklung in allen technischen, wissenschaftlichen und kulturellen Gebieten ermöglicht: u. a. Architektur, Kunstwerke in Malerei, Literatur und Musik.

Von Beginn an und insbesondere gegen Ende des 15. Jahrhunderts genoss Venedig zwei große Vorteile: Eine vollkommene Freiheit im Buchdruck, da sie weder den Auflagen des Vatikans noch der Inquisition unterlag. Sie war das Tor zum Orient, wo Menschen aus aller Welt lebten: Byzantiner, Italiener, Araber, Juden, Slawen, Armenier, Türken… All dies erklärt die außerordentliche Entwicklung des Buchdrucks. Es ist hervorzuheben, dass in einer Epoche mit derart viel Gewalt zwischen Religionen der erste Koran, der erste Talmud und die erste Bibel in populärem Italienisch, sowie die ersten Werke der deutschen Reformatoren nach der protestantischen Reformation, in Venedig gedruckt wurden. Die Tatsache, dass es sich um eine Immigrantenstadt handelte, erklärt auch, dass in allen Sprachen gedruckt wurde: so tauchten die ersten Bücher auf Griechisch, Armenisch, im kyrillischen Alphabet auf; und es war auch der Ort, wo über die Hälfte der europäischen Bücher gedruckt wurden, wo auch das Taschenbuch erfunden wurde, und wo auch die ersten erotischen Schriften, die ersten Abhandlungen über Medizin und der Kochkunst, herausgegeben wurden.

In dieser multikulturellen Stadt erschienen ab Ende des 15. Jahrhunderts auch die ersten musikalischen Drucke. Ottaviano Scotto (der Ältere, ca. 1440–1499), der aus Monza in der Lombardei stammte, druckte im Jahr 1480 hervorragende Messbücher u. a. mit roten und schwarzen Schriftzeichen. Er war der Begründer einer Abfolge von Typographen, die die musikalische Veröffentlichungen Venedigs während des gesamten 16. Jahrhunderts beherrschten. Ottaviano Petrucci (1466–1539) erhielt 1498 von der venezianischen Republik das Patent für den Notendruck. Die im Jahr 1501 von ihm herausgegebene Sammlung polyphoner Messen »Harmonice musices Odhecaton A« war das erste Werk, das sich vollständig der Musik widmete und sich nicht auf kurze, in einen liturgischen oder poetischen Text eingefügte Fragmente beschränkte. Über mehr als drei Jahrhunderte spielte das venezianische Musikverlagswesen eine Hauptrolle in der Verbreitung der Musik und der italienischen und europäischen Musiktheorien, die Grenzen und Jahrhunderte durchdrangen.

Auch Dank ihres Handels und damit ihrer Kontakte mit der gesamten mediterranen Welt – durch Begründen von Faktoreien auf allen Inseln und an der gesamten Küste, Austausch von Gegenständen, aber auch Aufnahme von Menschen aller Herkunft – empfing sie die Einflüsse der christlichen Welt des lateinischen Orients und der orthodoxen Welt, sowie der ottomanischen, jüdischen, armenischen und muslimischen Kulturen.

»Alle diese Einflüsse wollen wir durch die Musik heraufbeschwören, wobei wir den wichtigsten Ereignissen dieser phantastischen tausendjährigen Geschichte folgen. Eine einzigartige Geschichte einer andersartigen Stadt, die von Personen geschaffen wurde, die dank ihres Mutes, ihres Wissens, ihrer Abenteuerlust und ihres Wunsches nach Dialog, vor allem jedoch dank ihrer Liebe zur Kunst und zur Schönheit, den Reichtum und die Freiheit ihrer Republik über mehr als tausend Jahre ersinnen und erhalten konnten. Wir begleiten diese Personen, indem wir die unterschiedlichen Tonaspekte vermitteln wollen, die das Adriatische Meer und das Mittelmeer in den verschiedenen Städten, Regionen und Ländern, die diese Meere säumen, hervorzurufen wussten.« (Jordi Savall)

Jordi Savall stellt die wunderbaren Sänger des orthodoxen/byzantinischen Ensembles unter der Leitung von Panagiotis Neochoritis in den Mittelpunkt dieser Zusammenstellung der Musik Venedigs. Außerdem präsentieren Gastmusiker aus Griechenland, der Türkei, Marokko und Armenien, sowie die Solisten von Hespèrion XXI, von La Capella Reial de Catalunya und von Le Concert des Nations, religiöse und profane Musikstücke der ältesten orthodoxen Traditionen von Byzanz, Gesänge der Kroaten, Musik aus Istanbul und dem ottomanischen Reich, aus Griechenland, aus der Türkei und aus Italien. Guillaume Dufay, Clément Janequin, Adrian Willaert, Joan Brudieu, Claude Goudimel, Ambrosius Lobwasser, Giovanni Gabrieli, Claudio Monteverdi, Antonio Vivaldi, Johann Adolph Hasse und viele weitere, wie Mozart und Beethoven, sind die renommierten Namen, die die Größe einer außerordentlichen Stadt, deren Hegemonie sehr lange bestehen blieb, erklingen ließen und heraufbeschworen – und dies noch bis heute tun.

1797 besetzten die französischen Truppen Napoleons das Festland und verursachten den Fall der Republik Venedig, was jedoch keinesfalls das Ende des orientalischen Traums der Sereníssima bedeutete, der, weiterhin zahlreiche Künstler und Intellektuelle inspiriert. Nach ihrer Aufnahme in Österreich im Rahmen des Friedens von Campo Formio, der den Krieg zwischen Frankreich und Österreich beendete, musste Venedig bis 1866 auf ihre vollständige Integration in Italien warten. Und heute handelt es sich um eines der schönsten Juwelen Italiens.

  • Panagiotis Neochoritis | Hespèrion XXI | La Capella Reial de Catalunya | Le Concert des Nations | Jordi Savall
  • AliaVox / AVSA99252 SACD | Aufnahmen 2016 | Veröffentlichung 2018

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