Paul Klee und die Musik 3

Ich habe also die pädagogischen Arbeiten Klees zu einer Zeit entdeckt, als ich über meine eigene Bahn schon weitgehend entschieden hatte. Es war dies eine Entdeckung, welche mich in den Ideen, die mich damals umtrieben, bestätigte, sie auf eine geschärfte, visuelle Weise versinnbildlichte.

Was genau fand ich im »Bildnerischen Denken«, das einen Musiker so verführen und mich später dazu bringen konnte, das Phänomen der Komposition auf eine andere Weise zu verstehen?

Dies berührt das Problem der Sprache schlechthin. Ist man selbst in eine Technik und deren Sprache eingebunden, verhält man sich als Spezialist; man kann die Fähigkeit verlieren, allgemeinere Schemata abzuleiten; gelingt es jedoch, so nur in sehr spezifischen Begriffen. Ein Musiker, der eine Erklärung zu geben versucht, wird dies in musikalischen Fachausdrücken tun, und sie wird an seinem Gesprächspartner vorbeigehen, wenn dieser mit der Terminologie nicht vertraut ist. Alle technischen Vokabularien können ein solches »Ausklinken«, eine derartige Verständnislosigkeit hervorrufen, die Erfahrung lässt sich täglich machen.

Nichts davon bei Klee. Er verwendet keine Fachsprache, er drückt sich so gängig aus, wählt Beispiele von solcher Allgemeinheit, von so grundlegender Einfachheit, dass sich daraus eine Lektion ableiten lässt, die auf jede andere Technik übertragbar ist. Anders gesagt: Er reduziert die Elemente der Imagination auf einen Grad der Vereinfachung, der uns zwei Dinge lehrt:

Die Rückführung der Elemente, über die wir, in welcher Sprache auch immer, verfügen, auf ihr eigentliches Prinzip. Das heißt ― und dies ist unabhängig vom Komplexitätsgrad einer Sprache so wichtig: Man muss zunächst ihr Prinzip verstehen, muss fähig sein, es auf äußerst einfache Grundsätze zurückzuführen.

Die Wirkungskraft der Deduktion. Das heißt: Aus einer einzigen These sind vielfache Folgerungen abzuleiten, die wuchern. Sich mit einer einzigen Lösung zu begnügen, ist völlig unzureichend, man muss zu einer ganzen Kaskade, zu einem ganzen Geäst von Folgerungen gelangen. Und dafür gibt Klee höchst überzeugende Beweise.

Klee hat sich nicht von allem Anfang an als Maler gesehen. Wie man weiß, schwankte er zunächst zwischen Musik, Literatur und Malerei. Zu Zeiten der Entmutigung hat er sich sogar der Bildhauerei zugewandt: »Bald bildete ich mir ein, ich könne zeichnen, bald sah ich, dass ich nichts konnte. Im dritten Winter sah ich sogar ein, dass ich wohl nie würde malen lernen. Ich dachte an die Plastik und begann zu radieren. Nur zur Musik habe ich stets gut gestanden.«*

Mit dieser Ungewissheit über den einzuschlagenden Weg steht Klee nicht allein. Ohne Zweifel gibt es im Menschen etwas, das ihn unschlüssig macht. Da entscheidet sich einer für die Literatur, der ursprünglich Musiker werden wollte. Und gewisse Künstler — ob Maler Schriftsteller oder Musiker — gelangen erst ziemlich spät zur Selbstgewissheit.

Pierre Boulez

Wanderungen 13

In wie kieseligem Marmor: Aderungen, und davon eine Zukluft zur Senke, Schaffflach, Stumpt-um abgestrübbt, ein blei’ker Bruchschädel von der Grimasse fast einer Fratze, spuckbereit, mit üppigeren Bülten und Sohlbecken der Moorwalltäler verlippt: Das Schneespiel habe ich gespielt, das Wasserspiel habe ich nicht gespielt, die verwirrtesten Birken: Da gab es Reif in eisigen Tobeln, opalisierende Ösen und weglose Gründe, mit Sternen die ein Sieb verkieselten, perforiert oder ähnlichem, wodurch Kälte in die Welt strömt, welche sich mit Schatten füllt, und friert davon. Drei Schritte der Tiere spring ich, vier Schritte der Vieher hüpf ich, ich schleiche, und daß die Nacht aufbricht mit dem Unglanz ihrer Zuglut, und den Himmlitzen von Strichgewittern und Spießgras. Daß und wie plötzlich etwas mich wegrückt in die Gegend. Der leere Raum dazwischen bedrückte mich schon gegenstandslos; das Gefühl, daß wie mein Kopf wegfliegt, daß ich Gefahr laufe draufzutreten: Luft war da, die Luft zwischen den Ungegenständen im Gelände, unbegrenzt, verschränkt, mir – ähnlich.

Wollüstige Gier

Für Jahrhunderte neideten Bürger und Edelleute den Armen vor allem eins: ihr ausschweifendes Sexualleben – oder das, was sie in ihrer Fantasie dafür hielten. So ging Wilhelm von Humboldt eine einfache Fährfrau nicht aus dem Kopf, die ihn 1789 mit ihrer Muskelkraft über den Niederrhein gesetzt hatte. Er sah ihre nackten Arme, ihre lose Kleidung, ihren schwitzenden Körper und verspürte »wollüstige Gier«: »Unbegreiflich, wie anziehend für mich jeder Anblick angestrengter Körperkraft bei Weibern ist – vorzüglich niedrigeren Standes«, notierte er in sein Tagebuch.
Vor allem die unteren Schichten waren zu allen Zeiten eine willfährige Projektionsfläche, da sie nur Objekte sind. Was tatsächlich in den Köpfen der einfachen Menschen vorgeht, bleibt den tragenden Gesellschaftsschichten verschlossen – es sei denn, sie schicken Kundschafter aus. Eugène Sue sah seinen 1842 erschienenen Roman »Les Mystères de Paris« (Die Geheimnisse von Paris) über das Lumpenproletariat in einer Parallele zu den Indianerromanen James F. Coopers, nur dass seine Barbaren »mitten unter uns hausen, dass wir ihnen zu jeder Zeit begegnen können«. »Diese Menschen«, schrieb Sue, »haben ihre eigenen Sitten, ihre eigenen Weiber, ihre eigene geheimnisvolle Sprache«.

neue Bücher

Ich weiss nicht, warum hierzulande aus Liv Strömquists »Kunskapens frukt« (Die Frucht der Erkenntnis) »Der Ursprung der Welt« geworden ist, vielleicht in Anlehnung und zu langer Betrachtung von Courbets »L’Origine du monde« im Musée d’Orsay, geht es hier doch um eine Kulturgeschichte der Vulva, der verbotenen Frucht, der sich die schwedische Zeichnerin essayistisch nähert. Denn während biologische Fortpflanzung und männliche Lust nun beide eher um das Innenleben der weiblichen Beckenregion kreisen, verschwindet ausgerechnet das sichtbare Außen im Nebel der Ahnungslosigkeit. So allgegenwärtig nackte Haut heute auch sein mag, die primären Geschlechtsorgane sind es nicht und werden vorsätzlich aus der öffentlichen Bilderwelt verdrängt. Strömquist zeigt dass der Vulva in vergangenen Zeiten eine durchaus prominente Stellung zukam und legt dar, wie die Scham rund um die Scham von Kirchenvätern, aber auch (in dieser Hinsicht anti-aufklärerischen) Pionieren der Aufklärung konstruiert wurde. Und en passant wird auch noch mit dem freudlosen Freudschem Mythos der Unterscheidung zwischen überlegenem vaginalem und unterlegenem klitoralem Orgasmus aufgeräumt…

Der Ursprung der Welt | Text & Zeichnungen: Liv Strömquist | aus dem Schwedischen von Katharina Erben | 140 Seiten, Softcover | ISBN 978-3-945034-56-9 | 19,95 €

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Paul Klee und die Musik 2

Später, es liegt nun mehr als dreißig Jahre zurück, schenkte mir Stockhausen »Das bildnerische Denken«, jenes Buch, das Klees Bauhaus-Vorlesungen enthält, und sagte dabei meiner Erinnerung nach: »Sie werden sehen, Klee ist der beste Kompositionslehrer.« Ich dachte, sein Enthusiasmus ginge wohl ein bisschen zu weit, denn ich glaubte, die Komposition einigermaßen erlernt zu haben, hatte ich doch bereits »Marteau sans maître« und anderes geschrieben. Da ich damals das Deutsche nicht lesen konnte, studierte ich die Beispiele und versuchte, deren Logik aus eigenem Wissen zu rekonstruieren, was nicht immer leicht war. Doch je mehr ich mich darum bemühte, dieses Buch zu ergründen, desto klarer wurde mir, dass Stockhausen vollkommen recht gehabt hatte. Die Beispiele, mit deren Entzifferung ich mich beschäftigte, hatten selten, ja oft überhaupt nichts mit Musik zu tun, aber es ließen sich ständig Folgeringen für meine eigene Arbeit daraus ziehen. Seit dieser Zeit habe ich mich immer mehr mit Klee befasst: Selten hat ein schöpferisches Genie solchen Ranges sich so klar über den Schaffensprozess geäußert. Und ich spreche nicht nur von Malern. Unter ihnen verkörpert Cézanne den Künstlertyp schlechthin, der noch ein Mysterium bleibt: In nur wenigen Briefen spricht er über seine Gemälde, und tut er es, so verwendet er ein ihm eigenes, sehr spezielles Vokabular, das wenig erhellt. Klees großer Vorteil hingegen ist, dass er nicht versucht, sich zu rechtfertigen. Er sagt, auf welche Art und warum er etwas tut. Weder beichtet er, noch enthüllt er das »Mysterium« seiner Schritte. Er bewegt sich jenseits der Selbsterklärung oder des Erklärungs-Katalogs. Er spricht nie von sich selbst, aber er studiert vor uns und hilft uns, mit ihm zu studieren. Er ist der intelligenteste, der fruchtbringendste, der schöpferischste aller Lehrer.*

Pierre Boulez

Wanderungen 12

Immen, die im Schnee verschwimmen. – Wie Glaswürmer-Maden in dichten, hellen Scharen heruntertropfen, blutige, und maulrote Sumpfbrombeeren, in Form von Flimmringen und Fingern. Auch schabe ich Dorne von der Wandseite der Drahtsplitterzäune – ich streute sie aus. Wie wuzelig die Barteln klafterlanger Fäden von den Erlen im Sternmoos, die von Böen hin- und hinwiegenden Stumpen, morsch, mondfaul, ausgedörrt, pilzig versprockt, ob daß glimm’nder Zunder glüht, als Strunkgestalt, die ihre nackten und Knochenarme in lauter Luft räkelt, gelenkig und quendelig gespenstisch: Und ein Stein, der ins Wasser eindringt, will ich sein, keiner? – Und wie in den Viehmist geduckteste Stielholzstümpfe, mit festsitzendem Bindsel: Ich war ein wie ein im Winter weißer und im Herbst schwarzer Baumstrunk. Ganz händige, fellpelzig von Feuchtigkeit undurchtränkte Häute, endlos oft traurige Hügel mit kümmerlich versteinerten und verknor’belten, dann erstarrteren Stauden: nur glutdurchsetzte Grübchen, dürrstes Zittergras (verblitzt darin).

Paul Klee und die Musik

»Ich male eine Landschaft etwa wie den Blick von den weiten Bergen des Tales der Könige ins Fruchtland. Die Polyphonie zwischen Untergrund und Atmosphäre ist so locker wie möglich gehalten.«*

(Brief Paul Klee an Lily Klee, 17. April 1929)

 

Bilder von Paul Klee habe ich zum ersten Mal 1947 in einer Ausstellung, die die Pariser Galeristen Yvonne und Christian Zervos im Juli/August jenes Jahres während des ersten Festivals von Avignon im Papstpalast organisiert hatten, gesehen. Damals war Klee für mich kaum ein Name; seine Bilder hingegen hingen — soweit ich mich erinnere — in einer Ecke des Saales, in welchem andere, großformatige Werke das Auge sofort auf sich zogen. Doch gerade die Klee-Bilder waren es, die mich fesselten und einen bleibenden Eindruck hinterließen, das Verlangen weckten, mehr davon kennenzulernen.

Nicht immer löst die erste Berührung mit Klee Bewunderung aus. Man hat anfangs sogar das Gefühl einer etwas zu raffinierten, zu preziösen Kunst. Doch hinter diesem ersten Eindruck beginnt eine Kraft zu wirken, die zu gründlichem Nachdenken zwingt. Da gibt es keine Gewaltsamkeiten und aggressiven Gesten: Dieses Werk überzeugt, und diese Überzeugung ist von Dauer. Bestimmte Bilder von Klee liest man auf mindestens zwei Ebenen. Der Blick wandert vom Vordergrund zum Hintergrund, gleitet von einer Ebene zur anderen, registriert die Zusammenhänge und die Unterschiede. Man bewegt sich darin in vollkommen bewegungsloser Anschauung. Werke, die einer Polyphonie so nahe stehen, sind nicht eben zahlreich.

Pierre Boulez